Tunesien: Widerstand gegen grünen Wasserstoff wächst

Von Sarah Mersch · · 2025/Jul-Aug
Wandbild mit Person in Gasmaske vor rauchenden Fabrikschloten, Palmen und Warnschilden mit Texten wie 'Caution Death Area' und '#Save Gabes'.
© Sarah Mersch

Europa plant die Energiewende, doch in Tunesien wächst der Widerstand: Während internationale Akteure, darunter Österreich, auf grünen Wasserstoff aus Nordafrika setzen, werfen Aktivist:innen ihnen Neokolonialismus vor.

Es rumort in Tunesien in diesen Tagen, wenn es um Energiepolitik, erneuerbare Energien und vor allem grünen Wasserstoff geht. „Energiesouveränität ist ein Recht, kein Zugeständnis”, rufen die Demonstrierenden lautstark, begleitet von rhythmischen Trommelklängen. Rund hundert, großteils junge Menschen haben sich Ende April vor dem tunesischen Ministerium für Industrie, Bergbau und Energie in der Hauptstadt Tunis versammelt, flankiert von mehreren Reihen Polizei.

Die Wut der Menschen richtet sich gegen das Ministerium, aber auch gegen ausländische Entwicklungsorganisationen. Das Logo der GIZ, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, prangt prominent auf der 2024 vorgestellten tunesischen Strategie für grünen Wasserstoff, die in Zusammenarbeit von Ministerium und der Organisation entwickelt wurde. „Schämt euch – die GIZ herrscht über euch“, skandiert die aufgebrachte Menge in Richtung Ministerium. Ihr Vorwurf: Europa betreibe grünen Kolonialismus, mische sich in nationale Angelegenheiten ein und beute die Energie- und Wasserressourcen des Mittel-
meerlandes aus.

© Sarah Mersch

Klimagerechtigkeit. Im Zwölf-Millionen-Einwohner:innen-Staat Tunesien, der flächenmäßig doppelt so groß ist wie Österreich, wächst der Protest gegen grüne Wasserstoffprojekte. Für die einen sind sie ein Hoffnungsträger der Energiewende, für die anderen ein Symbol neuer Abhängigkeiten und neokolonialer Ausbeutung. Zwischen akuter Wasserknappheit, undurchsichtigen Deals und geopolitischen Interessen spitzt sich der Konflikt zu: Wer profitiert hier – und auf wessen Kosten?

Den Kritiker:innen geht es um grundsätzliche Fragen der Klimagerechtigkeit: Wie könne es sein, dass einige der Hauptverursacher des Klimawandels jetzt auf Kosten derjenigen, die am meisten unter dessen Folgen leiden, ihre eigene Klimaneutralität vorantreiben würden? Politische und ökologische Debatten sind dabei eng verwoben: Für die Erzeugung grünen Wasserstoffs sind große Mengen Energie und Wasser nötig. Potenzial für erstere in Form von Wind- und Solarenergie hat Tunesien großes, letzteres zu wenig – und beide sind problematisch.

Die Strategie des Ministeriums liest sich ambitioniert. Acht Millionen Tonnen grüner Wasserstoff sollen bis 2050 im Land jährlich produziert werden, sechs Tonnen davon in den Export gehen, vor allem in die EU. Diese treibt den Ausbau der Kapazitäten zur Erzeugung grünen Wasserstoffs in Nordafrika voran. Aktuell ist sie selbst nicht in der Lage, ausreichende Mengen erneuerbarer Energien für ihren Bedarf zu produzieren, gleichzeitig will sie unabhängiger von Gas-Importen vor allem aus Russland werden.

2024 haben Österreich, Deutschland und Italien eine Absichtserklärung unterzeichnet, um einen Korridor für Wasserstoff, den sogenannten SoutH2 Corridor, aus dem Maghreb zu errichten. Dazu sollen bestehende Erdgas-Pipelines aus Algerien über Tunesien nach Italien umgerüstet werden. Das geplante Ende des Vorhabens: Bereits in fünf Jahren. Zahlreiche internationale Konzerne und Joint Ventures haben entsprechende Vereinbarungen mit Tunesien getroffen – darunter zwei Projekte unter Beteiligung des österreichischen Energieversorgers Verbund. Auch in den Beziehungen der EU zu Mauretanien und Algerien ist das Thema von großer Bedeutung.

Tunesien

Hauptstadt: Tunis
Fläche: 163.600 km2 (Österreich 83.880 km2)
Einwohner:innen: 12,4 Millionen
Human Development Index (HDI): Rang 105 von 193 (Österreich 22)
BIP pro Kopf: 3.977,7 US-Dollar (2023, Österreich: 56.033,6 US-Dollar)
Die anhaltende Wirtschaftskrise und die hohe Inflation spüren die Menschen besonders beim Lebensmitteleinkauf. Brot und Grundnahrungsmittel sind knapp und teuer. Das Land ist zunehmend auf teure Importe angewiesen.
Regierungssystem: Semiparlamentarische Republik, seit 2019 ist Kais Saied Staatsoberhaupt. Als Premier wurde 2025 Sarra Saafrani Sensri ernannt. Sie ist die dritte Premierministerin Tunesiens in weniger als zwei Jahren und die zweite weibliche Premierministerin des Landes.

Ungesundes Phosphat. Ausgelöst wurde die jüngste Protestwelle in Tunesien durch eine Presseerklärung nach einer Regierungssitzung Anfang März. Sie kündigte eine Reihe von Maßnahmen für den Phosphatsektor an, darunter auch die Errichtung einer Pilotanlage zur Produktion von grünem Ammoniak – einem farblosen Gas, auf dem viele Erwartungen im Hinblick auf eine klimaneutrale Wirtschaft ruhen. Denn: Anders als das bisherige fossile Ammoniak wird grünes Ammoniak aus grünem Wasserstoff und Stickstoff hergestellt. Es kann als Chemikalie, Brennstoff und Wasserstoffspeicher genutzt werden und ist gut transportierbar.

Die Anlage zur Herstellung soll in Gabès stehen, einem Gouvernement mit gleichnamiger Küstenstadt im Südosten des Landes – und wichtiger Standort der Phosphat- und Chemieindustrie, die für einen der größten Umweltskandale am Mittelmeer verantwortlich ist. Seit mehr als fünfzig Jahren leidet die Bevölkerung massiv unter den Folgen der staatlichen Chemiewerke (siehe Infobox S. 12).

Dort eine weitere Fabrik ansiedeln zu wollen, hat der lokalen Umweltbewegung Aufwind verschafft. Landwirt:innen und Ultras beider – eigentlich rivalisierender – Fußballclubs der Stadt, Studierende und Tagelöhner:innen protestieren gleichermaßen. Doch die eigene Meinung im öffentlichen Raum kundzutun, ist gefährlich geworden. Präsident Kais Saied geht immer härter gegen Kritiker:innen vor, manche erinnert die Lage an jene unter dem 2011 aus dem Land gejagten Langzeitherrscher Ben Ali. Nach einem Sit-in Ende Mai wurden drei Protestierende festgenommen: ein Mitglied einer NGO, die sich für LGBTIQ+ Rechte einsetzt, und zwei Schüler. Sie wurden in erster Instanz zu zwei bis vier Monaten Haft verurteilt.

Phosphat, Krebs, Protest

Gabès ist eines der Zentren der tunesischen Industrie. Seit 1972 verarbeiten im direkt an der Stadt angrenzenden Industriegebiet die staatlichen Chemiewerke Phosphat. Dabei werden täglich rund 14.000 Tonnen des schwach radioaktiven und mit Schwermetallen belasteten Abfallprodukts Phosphorgips ungefiltert ins Meer gepumpt.

Das Meer vor der Küste sei auf Kilometern „klinisch tot“, sagen Wissenschaftler:innen. Der große Wasserverbrauch der Werke hat außerdem dazu geführt, dass der Grundwasserspiegel in der Region gesunken ist, was die Landwirtschaft vor Probleme stellt. Die Bevölkerung leide aufgrund der Abgase gehäuft an Atemwegserkrankungen wie Asthma, berichten Mediziner:innen. Auch Krebserkrankungen träten häufiger auf als in anderen Regionen.

Neben den Langzeitfolgen der Phosphatverarbeitung kommt es im Industriegebiet immer wieder zu Unfällen. 2021 explodierte eine Asphaltzisterne, sechs Menschen starben. Im Jahr zuvor brannte es drei Mal in einer Fabrik, die Ammoniumnitrat produziert. Laut Aktivist:innen lagern im Industriegebiet rund 10.000 Tonnen des hochexplosiven Stoffs, fast viermal so viel wie die Menge, die im August 2020 in der libanesischen Hauptstadt Beirut explodierte und mehr als 200 Menschen tötete.

Seit dem politischen Umbruch 2011 mehren sich in der Region die Proteste gegen die Werke, die rund 4.000 Personen beschäftigen. 2017 hatte die damalige Regierung beschlossn, die Anlage stillzulegen und an einem anderen Standort nach den neusten Sicherheitsnormen zu errichten. Doch das damals mit rund 1,2 Milliarden Euro bezifferte Projekt wurde nie umgesetzt.

Khayreddine Debaya, einer der führenden Köpfe der Bewegung Stop Pollution, die die Proteste organisiert, kritisiert die Intransparenz, mit der die tunesische Regierung vorgegangen sei. Weder die Zivilgesellschaft noch Abgeordnete der Region hätten von den Planungen gewusst. „Wir haben die Details erst erfahren, als die Energieministerin bei einer Anhörung im Parlament vom Abkommen mit der deutschen Regierung sprach, das seit Ende 2020 besteht.“

Konkret geht es dabei um eine Finanzierungszusage des deutschen Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an die Kreditanstalt für Wiederaufbau über 25 Millionen Euro. Damit soll besagtes Pilotprojekt im Bereich des grünen Wasserstoffs finanziert werden, wobei mehrere Projekte zur Diskussion stehen, darunter auch eines zu grünem Ammoniak. „Da haben irgendwelche Kleingruppen im Verborgenen mit ausländischen Institutionen über unsere nationale Souveränität, über unsere Energiesouveränität entschieden“, so Debaya, der die Rücknahme der Übereinkünfte und eine Revision der Wasserstoffstrategie fordert.

Eine Meinung, die den Souveränitätsdiskurs des Präsidenten widerspiegelt, der sich seit Jahren lautstark öffentlich gegen ausländische Einflussnahme positioniert. Doch in der Praxis laufen viele Programme der internationalen Zusammenarbeit weiter wie bisher.

Grüner Wasserstoff

Wasserstoff ist das am häufigsten vorkommende Element auf der Erde – meist in gebundener Form, etwa im Wasser. Als Energieträger spielt das Gas eine wichtige Rolle in der Industrie, zum Beispiel bei der Herstellung von grünem Ammoniak für Düngemittel. Gleichzeitig speichert und transportiert Ammoniak Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse – dabei wird Wasser mit Strom aus erneuerbaren Energien in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der so erzeugte Wasserstoff kann zum Antrieb von Autos, Frachtschiffen oder Flugzeugen dienen.

Ob er wirklich eine klimafreundliche und alltagstaugliche Alternative zu fossilen Brennstoffen ist oder eher ein kurzlebiger Hype, ist allerdings umstritten. Kritiker:innen verweisen vor allem auf den enormen Bedarf an erneuerbarer Energie und Wasser, der für die Produktion nötig ist – und darauf, dass bisher kein Land genug davon zur Verfügung hat. Nachhaltiger sei es, so das Argument, eher auf Elektromobilität zu setzen.

Wasserknappheit. Wie alle Länder im Maghreb leidet Tunesien seit Jahren unter akutem Trinkwassermangel und langen Dürre- und Hitzeperioden. Der kleinste der drei nordafrikanischen Staaten gehört zu den 25 Ländern weltweit mit den geringsten Wasserressourcen pro Einwohner:in. Seit zwei Jahren wird Trinkwasser in den Sommermonaten rationiert und der Bevölkerung nachts der Hahn abgedreht. Nur durch kostspielige und energieaufwändige Meerwasserentsalzung hat sich die Situation leicht verbessert. Doch diese müsste für die Produktion von Wasserstoff zusätzlich aufgestockt werden. Fachleute sind sich bis heute uneinig, wie groß der Schaden der dabei entstehenden, oft mit Chemikalien versetzten Salzlaugen ist, die ins Meer zurückgeleitet werden.

Das zweite Problem: die Energie. Will Tunesien ernst machen mit den mehr als acht Millionen Tonnen jährlich, dann müsste es beim aktuellen Stand der Technik fünfzehn Mal mehr Energie produzieren, als es heute verbraucht, um die Meerwasserentsalzungsanlagen zu betreiben, die für die Wasserstoffproduktion nötig wären. Zwar mangelt es in Tunesien nicht an Sonne, doch der berechnete Flächenbedarf für die Solar- und Windkraftanlagen liegt bei 500.000 Hektar, rund drei Prozent der Fläche des Landes. Grafiken aus der Strategie zeigen potentielle Standorte vor allem in den Wüstenregionen im Süden.

„Wüste allein bedeutet nicht, dass sie ungenutzt ist“, sagt Debaya von Stop Pollution. Sie dient als Weidegrund für Herden, und längst nicht alle Flächen befinden sich im Staatseigentum. „Europäische Länder können doch einfach ihre Wälder roden, dann gibt es dort Wüste und sie können dort ihre Anlagen hinstellen“, schimpft er mit einem bitteren Lachen.

Flächennutzungskonflikte gab es in Tunesien bereits bei anderen Solarprojekten ausländischer Investoren. Es könne nicht sein, so Debaya, dass die nationalen Interessen hinter denen Europas zurückstehen müssen. Die tunesischen Behörden machten sich damit zum Handlanger „grün verpackter, neokolonialer Poltik Europas auf Kosten der lokalen Bevölkerung“.

© MouradD Mjaied / AFP / picturedesk.com

Energiesouveränität. Angesichts des starken Gegenwinds aus dem Parlament und der Zivilgesellschaft äußert sich das Energieministerium in Tunis derzeit nicht öffentlich zum Thema – ebenso wenig wie die kritisierten ausländischen Institutionen. Chiheb Bouden, ehemaliger Hochschulminister und heute Professor für erneuerbare Energien an der Ingenieurshochschule in Tunis, ist einer der wenigen Unterstützer:innen der nationalen Strategie aus regierungsnahen Kreisen, der sich zu Wort meldet. Er sieht in der Produktion von grünem Wasserstoff eine wichtige Chance, sich international zu positionieren und die angeschlagene tunesische Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen.

Bouden ist aktuell außerdem Leiter des GIZ-unterstützten bayerisch-tunesischen Hubs für grünen Wasserstoff. Und: Er berät den britisch-maltesischen Solar- und Wasserstoffkonzern Tunur, der mit dem österreichischen teilstaatlichen Unternehmen Verbund kooperiert. Sein Argument: Durch die Produktion grünen Ammoniaks in Gabès würde man unabhängig von russischen Importen werden und könne Düngemittel für den eigenen Bedarf herstellen. Dann wäre es möglich so zu produzieren, dass immer nur kleine Mengen Ammoniumnitrat in den Chemiewerken gelagert werden müssten.

Auch das Argument der Kritiker:innen, dass die Produktion die eigene Energiewende verlangsamen könne, lässt Bouden nicht gelten. Nach Jahrzehnten der Stagnation hat sich der Anteil erneuerbarer Energien im Land seit Anfang 2024 von rund drei auf fünf Prozent erhöht. In einem Jahr könnte ihr Anteil auf zwölf Prozent steigen. Tunesien wäre damit auf einem guten Weg, sein selbstgestecktes Ziel von 35 Prozent erneuerbare Energien im Energiemix im Jahr 2030 zu erreichen. Dies würde es erlauben, ein Stück weit unabhängig von den teureren Energieimporten aus dem Nachbarland Algerien zu werden.

Für Bouden steht fest: Es sei nicht sinnvoll, mit der Wasserstoffproduktion zu warten, bis Tunesien seine eigene Produktion umgestellt habe, denn dann sei es zu spät, sich noch auf dem internationalen Markt zu positionieren. Und dies sei angesichts der prekären tunesischen Wirtschaftslage unumgehbar.

Der Widerstand gegen die Pläne sei vor allem auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen, ist Bouden überzeugt. Doch zu den vereinzelten Veranstaltungen, die in Gabès rund um das Thema stattgefunden haben, sei Stop Pollution nie eingeladen worden, sagt Debaya. „Davon haben wir immer nur aus dem Internet oder über Dritte erfahren.“ Aber: Sein Misstrauen gegenüber dem Staat, die ausländischen Geber, die technische Umsetzung und vor allem die politische Grundsatzkritik an dem Vorgehen hätte eine Einladung wohl kaum aus dem Weg geschafft.

Sarah Mersch berichtet seit 2010 von Tunis aus für Radio, Print und Web über Tunesien und den Maghreb. Sie ist Mitglied des Netzwerks Weltreporter.net und bei Freischreiber. 2019 hat sie das Riffreporter-Magazin „Afrikareporter“ mitbegründet.

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